Erste Hilfe
am Kind
Ihr Kurs-Nachschlagewerk mit allen wichtigen Informationen zur Ersten Hilfe bei Kindern und Säuglingen — kompakt, verständlich und jederzeit verfügbar.
Inhalte entdeckenDie Rettungskette
Im Notfall zählt jede Minute. Die Rettungskette zeigt den Ablauf vom Erkennen der Notlage bis zur Versorgung im Krankenhaus.
Sofortmaßnahmen
Absichern & Lebensrettende Sofortmaßnahmen
Notruf 112
Parallel zum Handeln den Rettungsdienst alarmieren
Erste Hilfe
Weitere Erste-Hilfe-Maßnahmen durchführen
Rettungsdienst
Professionelle medizinische Versorgung
Krankenhaus
Weitergehende Behandlung
💡 Warum Ersthelfer so wichtig sind
In Deutschland dauert es durchschnittlich 9 bis 17 Minuten, bis der Rettungsdienst eintrifft. In dieser Zeit sind Sie als Ersthelfer die wichtigste Person, um lebensrettende Sofortmaßnahmen zu ergreifen.
Der Notruf: 112
Die 112 ist die europaweite Notrufnummer für medizinische Notfälle. Wählen Sie diese ohne Vorwahl. Auch wenn Sie versehentlich die 110 wählen, werden Sie an die richtige Stelle weitergeleitet.
📞 Wichtig: WARTEN, nicht auflegen!
Bleiben Sie so lange am Telefon, bis die Disponentin oder der Disponent sagt, dass Sie auflegen dürfen. Sie werden durch den Notruf geführt — es werden alle wichtigen Informationen erfragt.
⚠️ Nicht die 19222 nutzen
Die 19222 ist die Nummer des qualifizierten Krankentransport, nicht des Rettungsdienstes. Bei einem Notfall immer die 112 wählen!
Verschlucken & Ersticken
Eine der häufigsten Notfallsituationen bei Kindern. Kinder nehmen alles in den Mund — besonders im Alter von 1 bis 4 Jahren.
Situation beurteilen: Kann das Kind husten?
✅ Effektives Husten
- Schreien, Weinen, lautes Husten
- Einatmen vor dem Husten
- Kind ist wach und kann sprechen
→ Zum Husten ermutigen, Ruhe bewahren, Kind aufrecht hinsetzen
❌ Ineffektives Husten
- Keine Stimme, leiser/stiller Husten
- Zyanose (bläuliche Verfärbung)
- Zunehmender Bewusstseinsverlust
→ Sofort handeln! Notruf 112!
⚠️ Keine Panik und kein Schimpfen!
Keine Maßnahmen zur Fremdkörperveränderung und kein kräftiges Klopfen zwischen die Schultern, solange effektives Husten möglich ist.
Maßnahmen bei ineffektivem Husten
Kinder > 1 Jahr
- 5 gezielte Schläge zwischen die Schulterblätter mit der flachen Hand
- Falls keine Besserung: 5 Oberbauchkompressionen (Heimlich-Manöver)
- Im Wechsel fortfahren bis Besserung oder Bewusstlosigkeit
Säuglinge < 1 Jahr
- 5 Rückenschläge zwischen die Schulterblätter (auf dem Knie, Kopf tiefer)
- Falls keine Besserung: 5 Brustkorbkompressionen
- Kein Heimlich-Manöver bei Säuglingen!
Wichtig: Bei Säuglingen unter 1 Jahr darf kein Heimlich-Manöver durchgeführt werden!
Bewusstloses Kind
Bewusstlosigkeit ist immer ein lebensbedrohlicher Zustand. Der Muskeltonus erschlafft, die Zunge kann den Atemweg blockieren, der Magen kann sich öffnen und Mageninhalt in die Lunge gelangen.
🔴 3 Gefahren bei Bewusstlosigkeit
- Zungengrund sinkt ab — verlegt den Atemweg
- Magen öffnet sich — Erbrochenes läuft hoch
- Keine Schutzreflexe — Aspiration droht
Vorgehen:
- Atmung prüfen: 10 Sekunden — Sehen, Hören, Fühlen
- Kopfüberstrecken ab dem 1. Lebensjahr (jüngere Kinder: Neutralposition)
- Atmung vorhanden? → Stabile Seitenlage
- Keine Atmung? → Sofort HLW & Defi
Stabile Seitenlage
Wenn ein bewusstloses Kind atmet, muss es in die stabile Seitenlage gebracht werden, um die Atemwege frei zu halten.
Kinder ab 1 Jahr: 4 Schritte
-
1
Arm anwinkeln
Den Ihnen nächsten Arm des Kindes im rechten Winkel nach oben legen.
-
2
Hand an die Wange
Die andere Hand des Kindes an die Ihnen zugewandte Wange legen und festhalten.
-
3
Bein aufstellen & drehen
Das entfernte Bein anwinkeln und das Kind zu sich herüber rollen.
-
4
Atemwege freimachen
Kopf leicht überstrecken, Mund öffnen, damit Flüssigkeit abfließen kann.
👶 Säuglinge unter 1 Jahr
Keine klassische stabile Seitenlage durchführen! Stattdessen eine modifizierte Seitenlage oder Bauchlage anwenden. Bitte an den Wärmeerhalt denken — Rettungsdecke nutzen!
Kreislaufstillstand & HLW
Jede Minute ohne Wiederbelebung sinkt die Überlebenswahrscheinlichkeit um 10-15 %. Sofortiges Handeln ist entscheidend!
Ablauf der Wiederbelebung
-
1
5 initiale Beatmungen
Beginnen Sie mit 5 Initialbeatmungen. Bei Säuglingen: Mund-zu-Mund-und-Nase. Bei Kindern ab 1 Jahr: Kopf überstrecken, Mund-zu-Mund oder Mund-zu-Nase.
-
2
Lebenszeichen prüfen
Prüfen Sie auf Lebenszeichen: Bewegung, Husten, Schlucken.
-
3
15 Brustkorbkompressionen + 2 Beatmungen
Harter Untergrund, Oberkörper entkleidet. Im Verhältnis 15:2 fortfahren, bis der Rettungsdienst eintrifft oder Lebenszeichen zurückkehren.
💡 Der Rettungsdienst ist nicht die Lösung!
Die Herz-Lungen-Wiederbelebung ohne Hilfsmittel ermöglicht Überlebenswahrscheinlichkeiten zwischen 10 und 40 %. Mit einem AED (Defibrillator) steigt diese auf bis zu 80 % in den ersten 5 Minuten.
HLW-Übersicht nach Altersgruppe
| Säugling (bis 1 Jahr) | Kind bis Pubertät | Jugendliche/Erwachsene (ab 12 Jahren) | |
|---|---|---|---|
| Initialbeatmung | 5 x zu Beginn | 5 x zu Beginn | keine |
| Drucktiefe | 3 cm | 4 cm | 6 cm |
| Druckfrequenz | 100 – 120 / min | ||
| Verhältnis Druck : Beatmung | 15 : 2 | 15 : 2 | 30 : 2 |
Krampfanfälle & Fieberkrampf
Ca. 550.000 Kinder pro Jahr betroffen — im Alter von 6 Monaten bis 6 Jahren. In den meisten Fällen harmlos, aber erschreckend für Eltern.
Was ist ein Fieberkrampf?
Ein Fieberkrampf ist ein plötzlich auftretender Krampfanfall, der bei Kindern im Alter von 6 Monaten bis 5 Jahren vorkommt. Er entsteht durch die Rolle des Botenstoffs Prostaglandin, der bei Infektionen ausgeschüttet wird. Das unreife Nervensystem reagiert mit einer Überreaktion auf den Temperaturanstieg.
💡 Wichtig: Fieberkrampf kann auch ohne sichtbares Fieber auftreten!
Der Krampf beginnt oft, bevor das Fieber für die Eltern erkennbar ist. Die Prostaglandin-Ausschüttung erfolgt bereits vor dem Temperaturanstieg.
Symptome:
- Zuckungen der Arme und Beine
- Steifheit der Gliedmaßen
- Bewusstseinsverlust
- Verdrehte Augen oder leerer Blick
- Atemprobleme, die sich meist von selbst stabilisieren
Erste-Hilfe-Maßnahmen bei Fieberkrampf
Das sollten Sie tun
- Notruf 112 absetzen
- Kind in ein sicheres Umfeld bringen
- Ruhe bewahren, ruhig bleiben
- Weiche Unterlage unter das Kind legen
- Gefährliche Gegenstände entfernen
- Kopf zur Seite drehen
- Dauer des Anfalls beobachten
Das sollten Sie NICHT tun
- Keine Manipulation!
- Kind nicht festhalten
- Nichts in den Mundraum stecken
- Bewegungen nicht stoppen
- Kein kräftiges Klopfen
Sofort den Rettungsdienst rufen, wenn...
- Anfall länger als 5 Minuten dauert
- Kind erholt sich nicht danach
- Mehrere Krampfanfälle hintereinander oder 2 Krampfanfälle in 24 Stunden
- Kind ist unter 6 Monaten alt
Pseudokrupp
Pseudokrupp ist eine Virusinfektion der oberen Atemwege (Kehlkopf und Luftröhre), die vor allem Babys und Kleinkinder betrifft — meist bis 5 Jahre. Charakteristisch ist der bellende Krupphusten mit Atemnot.
- Anfallsartig auftretender, trockener, bellender Husten
- Atemnot (in schweren Fällen mit bläulichen Lippen)
- Heiserkeit, pfeifende Atemgeräusche (Stridor)
- Fieber, Schwäche, allgemeines Krankheitsgefühl
Meist verursacht durch Erkältungsviren (Parainfluenza-, RS-, Rhino-, Adeno- und Metapneumo-Viren). Begünstigende Faktoren: kalte Winterluft, Luftverschmutzung, Zigarettenrauch, bestehende Allergien.
- Ruhe bewahren — Kinder spüren Panik der Betreuer
- Aufrechte Position — Kind aufrecht auf den Schoß setzen
- Kühle, feuchte Luft — Fenster öffnen, kühle Getränke
- Beruhigen — Sanft mit dem Kind sprechen
- Bei schwerer Atemnot: sofort Notruf 112
Häufig werden Cortison-Zäpfchen (z.B. Rectodelt) verschrieben. Pseudokrupp heilt meist von selbst innerhalb weniger Tage aus. Komplikationen sind selten.
Thermische Verletzungen
30.000 Kinder erleiden pro Jahr in Deutschland eine thermische Verletzung. 70 % davon sind Verbrühungen durch heiße Flüssigkeiten.
Verbrennungsgrade
Leichte Verbrennung
Nur Rötung, wie Sonnenbrand. Haut intakt, Schmerzen. In der Regel kein Arztbesuch erforderlich. Ggf. Schmerzbehandlung.
Mittlere Verbrennung
Wunde rötlich und geschwollen, ggf. Blasenbildung. Sehr starke Schmerzen. Blasen nicht selbst öffnen! Arztvorstellung, je nach Ausdehnung Notruf.
Schwere Verbrennung
Wunde wird weißlich, schwarzes Gewebe, offene Wunde. IMMER Notruf 112! Lebensgefahr!
Erste-Hilfe-Maßnahmen
-
1
Eigenschutz beachten
Rettung aus der Gefahrenzone.
-
2
Getränkte Kleidung entfernen
So schnell wie möglich entfernen (CAVE: eingebrannte Kleidung NICHT abreißen). Windel vorsichtig wechseln.
-
3
Wundversorgung
Kühlen nur bei kleinen Flächen mit lauwarmem Wasser (nicht eiskalt!). Wärmeerhalt sicherstellen.
-
112
Notruf bei...
Kindern unter 1 Jahr, Verbrennungen größer als die Handinnenfläche des Kindes, Verbrennungen am Körperstamm, im Gesicht, an Gelenken oder Genitalien.
Vergiftungen, Stürze & mehr
Wichtige Informationen zu weiteren häufigen Notfallsituationen bei Kindern.
Vergiftungen
Spülmittel, Reinigungsmittel, Medikamente, Pflanzen — Kinder können sich mit vielen Substanzen vergiften.
Erkennen:
- Übelkeit, Erbrechen, Durchfall
- Bauchschmerzen, Kopfschmerzen
- Schweißausbrüche, Krämpfe
- Schwindel, Bewusstseinstrübung
Maßnahmen:
- Eigenschutz beachten
- Betreuung, Beruhigung
- Giftreste/Erbrochenes asservieren
- Wärmeerhaltung
Giftnotruf: 030 19240
Mit Symptomen: Notruf 112
Stürze & Kopfverletzungen
Sturz auf den Kopf mit Risiko-Konstellation erfordert besondere Aufmerksamkeit.
Risiko-Konstellation:
- Sturz aus kritischer Höhe (doppelte Körpergröße, <1 Jahr: 60-80cm)
- Kind im kritischen Alter (<1 Jahr)
- Beschleunigungstrauma (Auto/Fahrrad)
Sofort zum Arzt, wenn:
- Kind beruhigt sich nicht innerhalb von 5-10 Min.
- Erbrechen nach Sturz (2x in 24-48 Std.)
- Austritt klarer Flüssigkeit aus Nase/Ohren
- Bluterguss hinter den Ohren
Nasenbluten
Häufig bei Kindern und meist harmlos, aber manchmal beunruhigend.
Maßnahmen:
- Beruhigung und Betreuung
- Kopf nach vorne lagern (nicht nach hinten!)
- Kühlung des Nackens mit Kälte-Sofortkompresse
- Zeitüberwachung
Keine Taschentücher in die Nasenlöcher stecken!
Bei anhaltendem Nasenbluten (>15 Min.): Notruf 112
Asthma
Akute Atemnot durch Verengung der Atemwege.
Erkennen:
- Atemnot, pfeifendes Atemgeräusch
- Erstickungsgefühl
- Blaue Lippen
- Unruhe, Angst
Maßnahmen:
- Oberkörper hochlagern
- Notruf 112
- Beruhigen, Atemanweisungen geben
- Ggf. Asthmaspray des Betroffenen
- Enge Kleidung öffnen, Fenster öffnen
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